Der Altarfries

von Karl Reidel – 1956

Die Passion, die Leidensgeschichte Jesu, gehört zum ältesten Bestand neutestamentlicher Überlieferung.
Musik, Dichtung, darstellende Kunst, Plastik und Malerei haben sich immer wieder dieses Themas angenommen. Ein Grunddatum unseres Glaubens und menschliche Erfahrungen wie Not, Leid, Angst, Einsamkeit, Tod und die Hoffnung auf neues Leben kommen darin zum Ausdruck.

Karl Reidel, uns hier in Landshut wohl bekannt und hoch geschätzt, hat im Jahr 1956 den Altar geschaffen und mit dem Fries seine Deutung der Passion Jesu gegeben. Ein junger Künstler - 29 Jahre – legt seine Sicht dieses zentralen Themas unsers Glaubens vor.

Die Kirche St. Wolfgang hier die Portalfiguren, das Schriftband über dem Nordportal, Altar und der Ambo waren unter seinen ersten Werken. Gleichzeitig entstand für das Internat in Seligenthal ein Gottesdienstraum, ein Guter-Hirten-Brunnen und einen Portalfries.

Karl Reidel stellt den Altar in den Blickfang der Kirche. Dabei bilden der Kirchenraum, der Altar und der Ambo mit dem Fresco der Apsis eine Einheit.
Altar mit Apsis, Pfingsten 2003
Der Altar steht im Blick, im Weg, der durch den Kirchenraum führt.
An ihm stand, als die Kirche erbaut wurde, mit gleicher Blickrichtung wie alle anderen der Vorsteher, der Vorbeter, der Priester. Stellvertretend für alle Versammelten begeht er das Geschehen von Golgatha: Christi Tod und seine Auferstehung.

Über dem Altar fällt der Blick auf das himmlische Jerusalem, auf die Vollendung der Welt. Was auf dem Altar gefeiert wird, öffnet den Weg in den Himmel. Was im Himmel bereit liegt, das Leben, die Gemeinschaft mit Christus, wird in der Feier auf diesem Altar geschenkt.

Aus dieser Formulierung hören Sie, die geistliche Gestalt unserer Kirche, wie sie bis zum Anfang des letzten Jahrhunderts geläufig waren. Die liturgische Bewegung der 20-er Jahre, die im Konzil aufgegriffen wurden, waren beim Bau unserer Kirche nicht präsent.

Sie sehen einen verhältnismäßig groben Stein, einen Kelheimer Auerkalk mit unterschiedlicher Farbgebung, in Jahrmillionen aus Kalkablagerungen (Meerestiere) entstanden. Nur an wenigen Stellen stellt er sich »glatt”, feinporig dar. Der Bildhauer musste sehr diffizil mit ihm umgehen. Die Farbgebung beeinflusst die Arbeit der Bildhauers ebenfalls. Trotz des porösen Steins gelingt es dem Künstler fein gestaltet Figuren aus dem Stein herauszuschlagen.
Die Behauspuren sind am gesamten Stein sichtbar, nur die Platte ist poliert.

Die mächtige, weit ausladende Platte ist auf der Stirnseite – und nur dort - mit einem Fries gestaltet. Der Grund für die Begrenzung liegt in der Bedeutung und darf nicht als Schmuck oder gar Dekor missverstanden werden.

Der Fries ist nicht auf Fernwirkung aus. Man muss ihn aus der Nähe betrachten.

Die Altarplatte, ca.3 m breit und 30 cm hoch, ca. 120 tief ist an der Stirnseite in einzelne Felder unterteilt, 14 an der Zahl, sieben links vom Mittelfeld, sechs rechts vom Mittelfeld.
Das mittlere ist fast doppelt so breit wie die übrigen Felder.
Eine Rahmung umzieht die Platte, die einzelnen Felder sind durch kräftige Stege abgegrenzt. Die Felder sind unterschiedlich breit, die Stegen zwischen den Feldern verschieden stark, auch rau, von der feineren, geglätteten Rahmung unterschieden.

Das Thema der Arbeit ist unschwer zu erkennen, die Erhöhung Christi auf Golgatha, im Zentrum der »Schreine”, dazu Begleitpersonen.

Die Begleitfiguren teilen sich in drei Gruppen:

Drei Schergen in kurzer Gewandung,
sieben Jesus-JüngerInnen, alle in langen Gewändern und
drei Engel.
Die Figuren sind jeweils der Mitte zu gewandt und im Profil dargestellt. Alle Figuren stehen, zwei der Jesus-Jünger knien. In ihren Feldern sind Himmelskörper, Sonne und Mond zu sehen.

Die einzelnen Gruppen:

1. Die drei Schergen

Sie sind grobschlächtig dargestellt. Sie haben ihre Arbeit getan. Zwei tragen «Werkzeuge» in der Hand, einen Stock, einen Prügel, einen Stab, eine Lanze mit Schwamm.
Die andere Hand stützt sich auf die Hüfte.
Ihre Gesichter sind gedrungen, die Haare kurz gehalten. Sie stehen breitbeinig, bloßbeinig, mit kurzem Rock. Sie sind nicht «schön». Einen Sprung im Stein formt Reidel zum Buckel.

Zwei der Figuren wenden ihren Körper frontal aus dem Bild, bleiben aber mit Gesicht und Beinen als Relief.
So werden die Arme verunstaltet angesetzt, wirken verdreht.
Altarfries linker Teil

2. Die sieben Jesus JüngerInnen

Sieben Felder sind den Jesus-Jünger und Jüngerinnen vorbehalten. Sie bilden zahlenmäßig die größte Gruppe.

Alle stehen in langen weit nach unten fallenden Gewändern vor uns. Zum Teil sind die Gewänder mit Falten und Kragenansätzen gezeigt, auch ein Halstuch ist zu sehen. Die Gewänder umhüllen die Körper ganz.

  • Zwei Jünger (je ein Jünger, eine Jüngerin knien. Der Mantelsaum steht über den Fußenden in die Höhe, liegt nicht an! Sie sind vom Stegrand getrennt sind und wirken schwebend.
  • Unterschiedliche Körperhaltungen treffen wir an: nach vorne, nach hinten gebeugt, gerade: hilflos, betroffen, anbetend, versunken. Und doch sind sie alle «erhaben».
  • Die Gesichter sind fein geschnitten, weich, oft die Augen geschlossen; auch Ohren sind zu sehen. Es lohnt sich, auch von schräg vorne auf die Gesichter zu blicken. Der Übergang des Reliefs in den Stein lässt auch das andere Auge erahnen.
  • Haarformen meist schulterlang, tragen einige Haarnetze?
  • Die Unterarme und die Hände richten sich nach oben zum Gebet, die Finger erscheinen feingliedrig.

3. Die drei Engel

Drei Engel begleiten das Geschehen. Sie sind nicht nur in der Zahl, vor allem in der Ausführung deutliche Gegenstücke zu den Schergen.
Die mächtigen Flügel sind unterschiedlich gestaltet:
mit Spitzen bis zum Boden,
das ganze Feld ausfüllend,
auch Kurz-Flügel sehen wir.
Das Flügelgelenk ist unterschiedlich aufwendig, das «Gefieder» einfacher.

Ganz rechts der «feine» Engel: Der Stein gibt die noble Zeichnung her, ein feingliedriges Gesicht. Dennoch bleibt es herb. Dieser Engel «bewohnt» das größte Feld!

Jede Figur hat ihren eigenen Platz. Alle Menschen haben an der Passion Anteil, jeder auf seine Weise: als Täter, Hilflose, Betroffene, Anbetende, Versunkene. Die Figuren repräsentieren die versammelte Gottesdienstgemeinde.
Altarfries rechter Teil

Das Hauptfeld:

In der Mitte Jesus, hoch aufgerichtet, weit ausgespannt sind seine Arme, er umgreift das ganze Feld.
Als einziger ist er von vorne, mit dem Angesicht, mit Augen, Mund, Nase, Haaren dargestellt. Er schaut uns an.
Ein Kreuz ist nicht zu erkennen, der Leib Jesus bildet es.

Der Leib ist gerade, nicht geschunden, der Kopf nicht geneigt.
Die Seitenwunde wird vom Stein «natürlich» wiedergegeben.
Der Lendenschurz ist unauffällig schlicht.

Jesus sprengt den Rahmen: Die Füße mit den gestreckten Zehen ragen ganz nach unten über den Stegrand, der Kopf in die Tischplatte hinein. Er ist der erhöhte Herr.
Das Johannes-Evangelium sieht es ebenso: Die Erhöhung am Kreuz ist seine Verherrlichung: Tod - Auferstehung - Himmelfahrt ist ein einziges Geschehen.

Aus Jesu Handwunden (genauer: aus den Unterarmen) strömen Blutbäche, die in Bottichen aufgefangen werden. Blutströme und Gefäße füllen die großen Flächen unter dem Kreuz. Das Blut hat in den Bottichen nicht Platz. Die Blutströme werden nach untern breiter, optisch erscheinen sie als Stützen der Arme.

Wir haben es hier mit einem Geschehen zu tun, das die Grenzen dieser Welt sprengt. Jesus ist nicht einzugrenzen. Was auf Golgatha geschah gehört in den Bereich Gottes, berührt Erde und Himmel. Dafür stehen die Engel, sie beten an und beschützen wie echte Schreinwächter!

Golgatha berührt auch die gesamte Schöpfung. Sonne und Mond sind Zeugen.
Allerdings finden wir hier eine Ungereimtheit: Der 14. Nisan, die Pascha-Nacht ist Vollmond. Nach Ausweis der Schrift ist die Sonne von der 6. bis zur 9. Stunde, also am Mittag verdunkelt. Karl Reidel hat einen abnehmenden Mond und die leuchtende Sonne geschaffen!

Die Soldaten vertreten die politische Macht. Am Geschehen haben sie innerlich keinen Anteil. Für sie ist das Arbeit, Henkersarbeit.

Die Jesus-Jünger, sieben, die heilige Zahl, bilden die größte Gruppe: Versteinert, versunken, niedergefallen, anbetend: Sie spiegeln die versammelte Kirche wider, die vor diesem Altar zusammen gekommen ist, vor Gott steht.

Das Zentrum des Frieses, die Mitte des Geschehens ist der Platz des Vorstehers. Er steht direkt vor Jesus und tut, was dieser getan hat. Die Theologen haben dafür das Wort: «In persona Christi».

Jetzt ist deutlich, was eingangs schon gesagt wurde: Es geht nicht um Dekor, nicht um Schmuck: Karl Reidel deutet, was wir an diesem Altar tun!
Altarfries mittlerer Teil

Und zuletzt:

Der erhöhte Christus stellt die Verbindung von Himmel und Erde her. Die Wölbung in der Decke der Kirche und die Wölbung unten, im Fuß des Altars gehören zueinander: Himmel und Erde, Gott und Mensch sind miteinander verbunden, versöhnt durch das Geheimnis, das an diesem Altar gefeiert wird.

LA, 27. 3. 2003 hö