II. Die Bibel entsteht – das AT

1. Das Buch

Durchblätternd, entdecken Sie, je nach Ausgabe,

  • Karten zu verschiedenen Zeiten der Bibel,
  • ein kurzes Lexikon, Sie wissen wie lang ein Stadion (Lk 24,13 also ca. 185 m) ist und wie weit demnach Emmaus von Jerusalem entfernt liegt, wieviel Sie um einen Denar – also um den Tageslohn (Mt 18,28) eines ungelernten Arbeiters - kaufen können.
  • Sie finden Zeittafeln zur Geschichte Israels und des Römischen Reichs, vielleicht auch
  • Herrscherhäuser und ihre Verzweigungen
  • ...

2. AT und NT

Sie haben die beiden »Testamente” entdeckt, den umfangreichen Abschnitt (2/3 des Textes) im vorderen Teil des Buches, das Alte Testament (AT), anschließend etwa 1/3 im Umfang den zweiten Teil, das Neue Testament (NT).

Wenn Sie eine katholische Ausgabe (die Einheitsübersetzung, die Pattloch (Vinzenz Hamp) Ausgabe oder die der Jerusalemer Bibel) vor sich haben:

Sie finden 72 verschiedene »Bücher” oder »Schriften”,

davon 45 im AT und 27 im NT. (Diese Zählung gibt das Konzil von Trient vor!)

72 – 45 – 27 die Zahlen bilden jeweils in der Quersumme die 9 (eine »Eselsbrücke”).

In evangelischen Ausgaben (Luther-Bibel, Elberfelder Bibel, Zürcher Bibel ....) entdecken Sie eine andere Zählung und einen Hinweis auf sog. apokryphe Texte.

Darüber werden wir uns später Gedanken machen unter dem Stichwort KANON.

Das Wort »Testament” ist irreführend. Es hat nichts mit einem Erblasser zu tun, nichts mit einem »Letzten Willen”, es ist die Übersetzung des Hebräischen »berit = Bund; Verfügung” ins Griechische «diatheke = Verfügung; Testament» und wieder ins Lateinische: «testamentum». Wir sollten besser sagen der «Erste Bund», gemeint ist der Sinai-Bund (Ex 19,3 ff), nicht der Noah- (Gen 9,8 ff) oder Abrahamsbund (Gen 15) und der «Neue Bund» im Abendmahl Jesu (vgl. Lk 14,22 ff) gestiftet. Auch «Alt» und «Neu» sind keine recht glücklichen Begriffe, der alte ist durch den neuen nicht abgelöst, der neue nur vom alten her zu verstehen.

Viele haben sich daher die Redeweise «Erster Bund» und «Zweiter Bund» oder «Erstes und Zweites Testament» angewöhnt, dennoch bleiben die Abkürzungen AT und NT.

3. Inhaltsverzeichnis

Alle Bibelausgaben beginnen mit der TORA (hebr.) = WEISUNG - GESETZ

im Griechischen »Pentateuch” (= pentateuchos biblos = fünfgliedriges Buch),

auch die »fünf Bücher Mose” genannt.

Diese heißen:

»1. Buch Mose”,

griechisch: »Genesis = Werden”,

im Hebräischen »Bereschit = Im Anfang”;

dann folgt das

»2. Buch Mose”,

griechisch: »Exodus = Auszug”,

im Hebräischen »Schemot = Namen”

usw.

Die hebräische Bibel die Bücher der TORA nach deren Anfangsworten, ein Brauch, denn die Kirche übernommen hat. Die offiziellen Dokumente der Kirche (Konzilstexte, päpstliche Rundschreiben, ... ) werden immer mit den Anfangsworten zitiert: z. B. »Lumen Gentium” (LG) »Licht der Völker” – die Konstitution über die Kirche des Vaticanum II oder »Pacem in terris” (»Frieden auf Erden”) – die berühmte Enzyklika an alle Menschen von Papst Johannes XXIII. aus dem Jahr 1963

Aus unseren Gottesdiensten sind wir die griechischen Namen des Pentateuch gewohnt:

»Aus dem Buch Genesis” – »Wort Gottes nach Genesis!”

»Aus dem Buch Exodus” – »Wort Gottes nach Exodus!”

Alle Bibelausgaben beginnen das NEUE oder ZWEITE Testament (NT), den NEUEN BUND mit dem »Evangelium nach Matthäus” (Mt).

Alle Bibelausgaben enden mit der »Offenbarung des Johannes” (Offb) oder auch »Geheime Offenbarung des Johannes” oder auch griechisch »Apocalypse” genannt.

International hat man sich für die Bezeichnung der biblischen Bücher auf Abkürzungen geeinigt. Es wäre sehr mühsam, immer den ganzen Titel zu nennen: z. B. diese Stelle finden Sie im »2. Brief des Apostels Paulus an die Korinther”. Man kürzt ab und schreibt »Kor” für die Briefe des Paulus an die Korinther. Da uns zwei überliefert sind, bezeichnet die 2 vor Kor also »2 Kor” den oben genannten 2. Brief an die Korinther.

Das Abkürzungsverzeichnis der einzelnen Schriften finden Sie in jeder Bibel.

4. Kapitel und Verse

Weiters ist Ihnen aufgefallen, dass alle Bibelausgaben (die Buber-Bibel nicht!) Zahlen im Textfluss haben. Die großgeschriebenen Zahlen (manchmal auch fettgedruckt) bezeichnen die »Kapitel”, die kleineren Zahlen die »Verse”. Wenn Sie also lesen Mk 5,4-5 bezeichnet das: Der Text steht im Evangelium nach Markus, im Kapitel 5 in den Versen 4 bis 5:

»Schon oft hatte man ihn an Händen und Füßen gefesselt, aber er hatte die Ketten gesprengt und die Fesseln zerrissen; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabhöhlen und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen.”

Bibeltexte werden nach Kapitel und Vers angegeben, nie nach Seiten. Kapitel und Verse richten sich nicht immer nach Sinnschritten oder nach ganzen Sätzen. Über die Einteilung in Kapitel und Verse könnte später geredet werden.

5. Die »Autoren” der Bibel

Jetzt ein »heißes” Thema! Wer hat die Bibel geschrieben? Genauer gesagt, die einzelnen Bücher, die einzelnen Texte?

Zunächst möchte man meinen, wenn es heißt: »Evangelium nach Markus” – dann habe einer namens Markus diesen Text verfasst. Wir lesen »aus dem 1. Buch Mose” – hat dann Mose dieses Buch geschrieben?

Die Frage verrät unsere Zeit.

Für uns ist es ganz klar. Vom Schriftsteller, vom Autor, stammt die Idee, die Handlung, die Sprache, die Erzählweise … abgesehen, was der Verlag daran verändert, ist es sein Werk, kommt es unter seinem Namen auf den Markt, ist es sein »geistiges Kind”. Nennen wir solche Texte »vom Autor”.

Daneben gibt es Texte, bei denen der Autor unwichtig ist. Kaum einer fragt, wer den Text des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB), wer die Texte des Konzils (Vat II) verfasst hat. (Natürlich gibt es jemanden, der dafür Vorarbeiten geleistet hat, doch darauf kommt es uns nicht an, selbst wenn man da und dort den einen oder anderen Verfasser zu erkennen glaubt.) Bei solchen Texten geht es um den Inhalt, der immer wieder – z. B. bei Gesetzestexten – verändert wird. Es geht um die Absicht, um das, was dieser Text bewirken soll. Nennen wir solche Texte «aus der Tradition»

Bei den biblischen Büchern haben wir es hauptsächlich mit Texten «aus der Tradition» zu tun. Es geht um einen roten Faden, unter den dann unterschiedlichste Textteile zusammengefügt wurden, aus weit auseinander liegenden Zeiten – wenn es »passte”!

Eine berühmte Persönlichkeit war immer gut, unter dessen Namen man fremde Texte gut aufgehoben wusste.

Beispiel: Jesaja

Als Beispiel nenne ich das Buch Jesaja (Jes). Es ist einer der großen prophetischen Texte in der Bibel. Wer sich damit länger beschäftigt, entdeckt unterschiedlichste Inhalte, Sprachweisen, Satzbau, ...

  • Die Kapitel 1 bis 39 sind von ganz anderer Art,
  • wie die Kapitel 40 bis 55 und
  • wiederum ab Kapitel 56.

Im Buch des Propheten Jesaja (etwa 740 - 701 v. Chr.) finden sich auch Texte aus der Zeit des Exils (587-539 vor Christus) und Texte aus der Zeit nach dem Exil, etwa um 400 vor Christus.

Die Bibelwissenschaft nennt

  • die Kapitel Jes 1 – 39 Jesaja;
  • die Kapitel 40 – 55 Deuterojesaja (Dt.Jes - 2. Jesaja)
  • und die Kapitel ab 56 den Tritojesaja (Tr.Jes - 3. Jesaja),
    • wobei es sich beim letzten um eine ganze »Schule” also um eine Gruppe handelt, die ähnlich wie die Befreiungstheologie in Lateinamerika unserer Tage den Menschen damals neuen Mut machen und den Blick auf Gottes endgültige Zukunft schärfen wollte. Dem gegenüber verkündet Jesaja fast ausschließlich Drohbotschaften, Ankündigung von Untergang und Exil (was ja leider auch eingetreten ist)!

      Nicht immer kann man die Texte »vom Autor” und die «aus der Tradition» scharf von einander trennen, sie gehen nahtlos ineinander über, durchdringen sich. Bei Texten «aus der Tradition» gibt es viel häufiger unterschiedliche Sprachstile, während Texte »vom Autor” eine eher einheitlichere Sprache kennen.

      Beispiel: Pentateuch

      Die »fünf Bücher Mose” = die »Tora” = den »Pentateuch” finden sie als erstes in der Bibel. Nirgends ist dort die Rede, Mose haben diese Bücher geschrieben. Viel eher kann man meinen, die Bücher handeln aus der Zeit des Mose – was aber für das 1. Buch, die Genesis, überhaupt nicht zutrifft.

      Mose kann schlecht seinen eigenen Tod und sein Begräbnis beschreiben (Dtn 34), auch die Meinung, Esra habe bei der Neueröffnung des Tempels (Neh 8,1) nach dem Exil die Bücher Mose aus dem Gedächtnis nachgeschrieben (alte jüdischen Legende) und dabei die Listen der Könige (Gen 36,31-39) und die Geschichte um Mose Tod eingefügt, verlagert das Problem nur.

      Die Sache ist deswegen »heiß” da nach Ausweis des Pentateuchs Mose das direkte Bindeglied zu Gott selber ist; es geht um die Autorität der Schrift! (Über den KANON und die INSPIRATION später!)

      Für die Entstehungsgeschichte des Petateuch gibt es viele Theorien. Ob es sich dabei um Texte »vom Autor” oder «aus der Tradition» handelt, muss im Einzelnen immer nachgewiesen werden, dies gelingt nicht immer.

      Man hat vier »Quellen” (»vom Autor”) ausfindig zu machen versucht und sie wie folgt bezeichnet:

      J = Jahwist; ca 1.000 bis 900 v. Chr.

      E = Elohist, ca. 800 bis